16. März 2017

Nachricht

Warum wir so sind, wie wir sind

Bild: Logemann

In ihrem Buch „Deutschland, Lutherland“ deckt Christine Eichel Spuren Luthers in der heutigen deutschen Gesellschaft, in unserem Denken und Handeln auf. Vor einer Woche besuchte sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Reformationsjubiläum des Kirchenkreises Nienburg die kath. Gemeinde St. Bernward für eine gut besuchte und anregende Lesung.

„Wir Deutschen trauen niemandem, der sehr reich ist. Wenn sich Frau Merkel mit einer Handtasche von Chanel zeigen würde, würde uns das zumindest sehr befremden, wohingegen der Franzose in einem ähnlichen Fall sagen würde: Vive la France!“, erzählt Christine Eichel schmunzelnd. „Warum ist das so? Im calvinistisch geprägten Umfeld hat jemand mit viel Geld großes Ansehen, er gilt als von Gott gesegnet, auch wenn man das heute so nicht mehr sagen würde. Man traut ihm viel zu – ein Beispiel dafür ist auch die Wahl Trumps in den USA. Im lutherischen Umfeld hingegen ist es der höchste Wert, dass man sich für die Gemeinschaft einsetzt. Darum steht bei uns auf der Liste der am meisten angesehen Berufe auch der Feuerwehrmann auf Platz eins. Selbst der Müllmann kommt noch vor dem Professor.“ Luther habe Reichtum und Prunk immer misstraut, fährt Eichel fort, und zitiert das deutsche Sprichwort „Geld verdirbt den Charakter“.

Doch nicht nur unser Misstrauen gegenüber dem Schwelgen im Luxus, sondern auch unsere Einstellung zur Arbeit sei von Luther geprägt und beeinflusst worden, meint Eichel. „Vor Luther galt die Arbeit in erster Linie als Strafe Gottes nach dem Sündenfall. Luther hingegen meinte, der Mensch sei zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen. Müßiggang war seiner Ansicht nach des Teufels und der Alltag wurde bei ihm zu einer Form des Dienstes für Gott, ja des Gottesdienstes.“ Dass uns diese Einstellung bis heute prägt, belegt Eichel an statistischen Untersuchungsergebnissen: Deutschland habe in der EU die meisten Arbeitsstunden mit Millionen von Überstunden, die Hälfte davon unbezahlt. Dennoch würden 80% der Deutschen angeben, dass sie gerne arbeiten. Wir hätten einen sehr hohen Arbeitsethos, der uns aber auch zum „Burn-Out-Land“ mache.

Viele weitere Spuren Luthers findet Eichel in unserer heutigen deutschen Gesellschaft: so zum Beispiel die sehr gute Krankenversorgung als Erbe der Leisninger Kastenordnung, oder die Tatsache, dass Deutschland das Land mit den meisten öffentlich subventionierten Orchestern und Museen ist. Doch längst nicht alles sei positiv, betont Eichel. So müsse man sich durchaus die Frage stellen, in wie fern Luthers kritiklose Haltung gegenüber der Obrigkeit und seine Zwei-Reiche-Lehre das Dritte Reich erst möglich gemacht hätten. Und auch sein furchtbarer, rassistischer Antisemitismus der letzten Jahre habe über Jahrhunderte weitergewirkt und sei durch ihn erst „salonfähig“ geworden.

Deutschland, Lutherland – im Positiven wie auch im Negativen. „Ich finde es einfach wichtig, dass man weiß, woher das kommt, denn nur dann kann man darüber reflektieren und gegebenenfalls auch etwas ändern.“, beendet Eichel ihren Vortrag. Insgesamt ein spannender Abend und ein anregendes Buch, das zum Diskutieren und Weiterdenken einlädt, heißt es abschließend aus dem Kirchenkreis.