3. Mai 2017

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Sich sprechend und handelnd einmischen – Frauen der Reformation

Bild: Logemann

„Die Reformation war eine Zeit des Umbruchs, und in solchen Umbruchzeiten ergriffen immer wieder Frauen ihre Chance aufzubrechen und sich aus ihrer unterdrückten gesellschaftlichen Stellung zu befreien“, erklärt Sonja Domröse. „Es war einfach mehr möglich. In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurden die Frauen dann zwar auch sehr schnell wieder auf ihren Platz zurückverwiesen, aber in diesen ersten Jahren des Aufbruchs konnten einige von ihnen aus ihren tradierten Rollen ausbrechen und sich sprechend und handelnd in ihre Zeit einmischen.“

Acht solcher Frauen stellte Sonja Domröse, Pastorin und Öffentlichkeitsbeauftragte des Sprengels Stade, am Mittwochabend in der St.-Martinskirche vor. So zum Beispiel Argula von Grumbach aus Ingolstadt, die als erste Frau Flugschriften verfasste, sich damit öffentlich zum Protestantismus bekannte und mit den Gelehrten und Herrschern ihrer Zeit anlegte. Auch Ursula Weyda griff öffentlich in die Diskussion ein, indem sie „in einem recht kessen Ton“, wie Domröse lachend berichtete, einen katholischen Abt zurechtwies, welcher Luther angegriffen hatte. Nicht so frech, aber ebenso mutig war auch Katharina Zell, die als eine der ersten Pfarrfrauen in Straßburg lebte, sich dort um die Flüchtlinge kümmerte, ein Liederbuch herausgab und nach der Exkommunikation ihres Mannes eine Verteidigungsschrift an den Bischof schrieb.

Elisabeth Cruciger war Nonne und entfloh aus ihrem Kloster nach Wittenberg. Dort lernte sie einen Freund Luthers kennen und heiratete ihn. Sie wurde die erste Dichterin des Protestantismus und träumte davon, auch einmal auf der Kanzel zu stehen und zu predigen. Im Gegensatz zu ihr verließ Caritas Pirckheimer nicht ihr Kloster und schloss sich auch nicht den Protestanten an. Dennoch war sie eine bemerkenswerte Frau ihrer Zeit. Als Äbtissin eines Klarissenklosters in Nürnberg weigerte sie sich, mit ihren Schwestern der Anordnung der Stadträte zu folgen und das Kloster zu verlassen. Als die Nonnen am Ende mit Gewalt von ihren Familien aus dem Kloster gezerrt wurden, verabredete die Äbtissin ein Treffen mit Melanchton, der sich daraufhin bei den Stadträten für die Schwestern einsetzte und erwirkte, dass diese bis an ihr Lebensende in ihrem Kloster bleiben durften. 

Drei weitere Frauen (Elisabeth von Calenberg, Olympia Fulvia Morata und Katharina von Bora) stellte Domröse an diesem Abend vor. „In Katharinas Fall sind ihre eigenen Briefe leider verloren gegangen, so dass wir sie nur aus den Briefen ihres Mannes Martin Luther kennen. Darum habe ich mich auch entschlossen, Katharina nicht in mein Buch „Frauen der Reformationszeit: Gelehrt, mutig und glaubensfest“ aufzunehmen, denn dort wollte ich mich auf die Frauen konzentrieren, deren Schriften heute noch einsehbar sind“, erklärte Domröse.

Nach dem Vortrag stellte Domröse sich noch den zahlreichen Fragen des Publikums. Eine der Fragen lautete, was sie sich denn heute wünschen würde für die Frauen in unserer protestantischen Kirche? Daraufhin antwortete Domröse: „Die Frauen sind in unserer Kirche an der Basis sehr stark vertreten, da könnte man sich manchmal wünschen, dass die Männer sich mehr engagierten, aber umso weiter man in der Hierarchie nach oben schaut, umso dünner wird der Frauenanteil. In den kirchenleitenden Stellen und Gremien sind Frauen auch heute noch stark unterrepräsentiert. Das würde ich mir anders wünschen, aber da muss sowohl unsere Gesellschaft als auch unsere Kirche noch einiges in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lernen.“