fruehling

Bild: emsz

Gedanken zum Kriegsende vor 75 Jahren

08. Mai 2020

Regionalbischöfin Bahr erinnert an den 8. Mai 1945

Das Ende des Zweiten Weltkriegs eine "Stunde null"?

ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Der 8. Mai 1945 gilt als „Tag der Befreiung“. Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr erinnert an das Kriegsende vor 75 Jahren und setzt sich kritisch mit der Bezeichung „Stunde null“ auseinander. Die hannoversche Theologin geht der Frage nach, wie der Neubeginn möglich wurde, ohne die Vergangenheit auszulöschen.

Das Bild von der "Stunde null" kommt nicht von der Kanzel. Keine zeitgemäße Übersetzung für den Dies Irae, den Tag des Herrn, auch keine geschichtstheologische Chiffre, die zusammenfasst, was in jenen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschieht. Am Anfang steht ein nüchternes militärisches Zeitmaß. Der Zeitpunkt der bedingungslosen Kapitulation. Eine Feststellung. Mehr nicht.

Es sind zuerst die Literaten, die darin einen Sprachraum ausmachen, in dem so viel Unsagbares Platz hat. Den Nullpunkt der Geschichte gibt es nicht. Wie denn auch? Die Weltgeschichte kennt so wenig eine Tabula rasa wie die eigene Biografie. Historiker haben detailliert beschrieben, dass die Wucht des Abbruchs längst nicht alles in den Abgrund gerissen hat. Die Rede von der Stunde null sollte das nicht verschleiern, ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese Stunde sich zu einer Zeit von Jahren ausgedehnt hat. Der Erfolg des Bildes, das bis heute über großen Ausstellungen steht, ist seine Fähigkeit, kollektive Gefühle und millionenfache individuelle Erinnerungen auf eine Projektionsfläche zu spannen, ohne dass die genaue wissenschaftliche Analyse der Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg dahinter verschwände. Die historischen Einschätzungen haben sich verändert, die Projektionsfläche bleibt.

Die Stunde null. Die Suggestion einer auf das Maß von 60 Minuten verdichteten Zeit, die wie eine halbe Ewigkeit erscheint oder wie ein scharfer Augenblick, je nach Abstand. Hier ist Platz für gemischte Gefühle, für einen verdichteten Raum aus Furcht und Abstumpfung, aus reinem Überlebensinstinkt und großen Pathosformeln, aus brutaler Erschöpfung und Trauer, aus Erleichterung und Sorge vor der Zukunft, aus nackter Überlebensangst, tiefen Traumata und der Sehnsucht nach neuem Glück. Scham, eine Ahnung von Schuld, Dankbarkeit für das Noch-mal-davongekommen-Sein. Und oft nicht einmal das.

Viele Menschen erleben den "Nullpunkt der Geschichte" erst einmal nicht als Einschnitt. Sie kämpfen um ein Stück Brot für ihre Kinder, suchen einen sicheren Ort zum Schlafen, bangen um Sohn oder Mann. Es ist nicht nur eine politische Ordnung zerbrochen, auch Weltanschauungen und Selbstbilder sind zerstört wie die Städte. Ruinenlandschaften, die wir von schwarz-weißen Fotografien kennen, mit leichtem Schaudern im Rücken, sind Wohnorte von Menschen. Wenn angesichts der Zerstörung Berlins offen überlegt wird, die Stadt woanders neu aufzubauen, dann zeigt diese Diskussion ausschnitthaft, wie auf den Schuttbergen der Illusionen mitten im Überlebenskampf der Wille zum Neuanfang wach wird. Katastrophe oder Befreiung oder beides? Das sind Kategorien, die später auf diese Jahre gelegt werden. Die Formulierungen der Zeit sind hilfloser.

Gefangen in den alten Sprachschablonen und doch von der Ahnung neuer Möglichkeiten getrieben, predigt Mitte Mai ein Pfarrer in Norddeutschland: "Die Friedensglocken, mit denen wir den Frieden bejubeln, sind für den Krieg eingeschmolzen. Der Feind hat uns befreit." Wie dem Unsagbaren Ausdruck verleihen, wenn bis in die Sprache der Gebete nationalsozialistische Ideen eingewandert sind? Welch Abgrund der Zivilisation sich mit der Schoah mitten im eigenen Volk aufgetan hat, kommt erst viel später heraus. Doch Schuld und Umkehrbedürftigkeit sind schnell ein Thema. Die Stunde null, der Tag des Zorns, der sich in einen Tag der Gnade verwandelt.

Die Kirchen sind voll in jenen Wochen nach dem 8. Mai 1945. Sie haben keine Dächer und keine Orgeln, aber eine liturgische Sprache zur Verfügung, in die Menschen sich flüchten können. Oft geistlich unbehaust, religiös unbeholfen, sammeln sie sich in Massen vor Altären und treten vor erschöpfte Geistliche, die von Zorn, Buße und Gnade predigen. Die Rede von der Stunde null wird zu einem zivilreligiösen Angebot einer versehrten Gesellschaft, die noch nicht weiß, wo sie hinwill und was die, die sie besiegten, mit ihnen vorhaben. Was Deutsche Deutschen angetan haben, weil sie Juden sind, wird beschwiegen. Vergewaltigungen, Fronterlebnisse, Erfahrungen verschütteter Kinder – kein Wort darüber.

Die Stunde null wird auch zur Metapher für das Nichts, das sich in vielen Seelen sammelt, während Ärmel hochgekrempelt und physische Trümmer beseitigt werden. Die seelischen Trümmer werden verschlossen. Der erste, tastende Umgang mit der eigenen Schuld verläuft zwiespältig. Die Kirchen machen den ersten Schritt, mit einem Hirtenbrief im August melden sich die katholischen Bischöfe zu Wort. Sie beklagen, dass sich auch Katholiken von der falschen Lehre der Nationalsozialisten "betören" ließen. Die moralische Katastrophe erklären sie als Abfall vom Glauben. Frömmigkeit und Gebet empfehlen sie als Heilmittel gegen die alten Dämonen, die "aus der Tiefe der Hölle" heraufgekommen seien. Der neu gegründete Rat der evangelischen Kirche erklärt gegenüber Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen: "Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder gebracht worden … Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Dieses Stuttgarter Schuldbekenntnis endet: "Die ganze Welt braucht einen Neuanfang." Das Bekenntnis wird unter deutschen Protestanten erregt diskutiert. Viele sehen sich durch die Besatzungsmächte geknechtet und kämpfen gegen die Entnazifizierung. Mit der theologischen Dämonisierung des Nationalsozialismus wird dieser zu einem äußeren Feind, einer bösen Schicksalsmacht, die über das deutsche Volk gekommen ist. Es gibt nur wenige, die das Gefühl deutscher Überlegenheit und die eilfertige theologische Verteidigung des Krieges beim Namen nennen. Wie viel Einsicht braucht die Buße? Wie viel Selbstbetrug verbirgt sich hinter dem Versuch nach Aufrichtigkeit? Das Neue, das im möglichen Neuanfang steckt, erzeugt nicht nur Jubel, sondern auch Ängste, zumal die Verheißung des neuen Menschen in einer neuen Welt ja gerade brutal enttäuscht wurde. Welche Tradition ist nicht diskreditiert? Wem kann man trauen? Es ist nicht verwunderlich, dass ein uralter Mann wie Adenauer Vertrauen gewinnt, einer, der aus einer anderen Zeit kam. Die Stunde null wird deshalb zu einer Zeit vieler tastender Neuanfänge, in denen alte Traditionen wiederentdeckt werden. Ihre Entdeckung prägt Parteigründungen und die Verhandlungen um eine neue Verfassung, er prägt die Neuordnung der Medien und der Kirchen.

Die Stunde null ist ein deutsches Zeitmaß geblieben. Bis in die gegenwärtige Gedenkindustrie aus Filmen, Ausstellungen, Symposien und kirchlichen Akademietagungen bleibt der Blick auf die europäischen Nachbarländer eher beiläufig. Oder den Geschichtsexperten vorbehalten. Anarchie und Gewalt dehnten sich nach dem 8. Mai 1945 vor allem in Osteuropa. Juden wurden weiter verfolgt, Minderheiten drangsaliert. Im Vorraum der neuen Diktaturen herrschte unfassbares Leid. Einmal mehr wurde "der Mensch dem Menschen ein Wolf". Europa verwandelte sich nicht in einen Friedensraum, sondern in einen "wilden Kontinent". Der Historiker Keith Lowe hat darüber ein bewegendes Buch geschrieben.

Aus dem Rückspiegel des Gedenkens wird das deutsche Gefühl seziert, Schuld, Scham und die stete Suche nach angemessenen Formen der Verantwortung gehören zum guten Ton einer geschichtsbewussten Gesellschaft, ebenso wie die Kultivierung des "Nie wieder!". Längst gibt es eine Erforschung des Lebens von Kriegskindern und Kriegsenkeln. Über Flucht und Vertreibung der Deutschen kann heute sachlich und differenziert veröffentlicht werden. Die großen Institutionen, von den Kirchen über die Wissenschaftsverbünde bis zum Auswärtigen Amt, haben ihre Rolle in der NS-Zeit erforscht. Die Rolle der Wehrmacht und die Rolle von Ärzten, von Theologen und von Künstlern ist gründlich beschrieben. Historische Mikrountersuchungen werden debattiert, und dickleibige Geschichtserzählungen erreichen regelmäßig die vordersten Positionen in den Bestsellerlisten.

Das Interesse an der frühen Phase der Bundesrepublik ist groß. Wie sind wir geworden, was wir wurden? Wie konnte es in so kurzer Zeit gelingen, dass aus einem Teil von Deutschland ein freies, reiches Land geworden ist, das eine wichtige Rolle beim Aufbau der europäischen Friedensordnung bekam Die Rede vom "Wunder" muss nicht nur auf die Wirtschaft angewandt werden. Selbst wenn alle Faktoren analysiert und alle Zusammenhänge aufgedeckt sind: Es bleibt dieser Überschuss, das Erstaunliche, das, was die Kirche mit dem Begriff der "Gnade" fasst, die dankbar macht. Es bleibt ein Danklied mit bitteren Strophen. Über die Entstehung der DDR und der kommunistischen Gewaltherrschaft ist weniger bekannt. Doch die Stunde null hat die ganze Welt aus den Angeln gehoben. Als in Deutschland schon ein neues Grundgesetz galt, in dem die Menschenwürde der Freien und Gleichen Verfassungsrang bekam, lebten anderswo Menschen weiter in Chaos und Gewalt. Folgesfolgen des Krieges, die im öffentlichen Gedenken keine Rolle spielen. Die Zeit nach der Katastrophe wird weiter als nationaler Nullpunkt wahrgenommen, ein kollektiver Erinnerungsort, in dem Deutsch gesprochen wird. Wie erlebten die Polen die Jahre nach dem Krieg? Und wie die Balten? Oder die Griechen? Was geschah in Nordafrika? Wie erging es den Überlebenden der Schoah auf einem manövrierunfähigen Dampfer im Mittelmeer?

75 Jahre sind keine lange Zeit. Die Dauer eines Menschenlebens. Wer verstehen will, warum die Welt so aus den Fugen ist, die doch vor wenigen Jahren noch so fein zusammengefügt zu sein schien, muss auch zurückgehen in diese Zeit. Die Stunde null war für uns Deutsche eine zu Jahren gedehnte Zeit eines Neuanfangs, der mindestens ebenso wie durch politisches Kalkül und materielle Hilfe auch durch die Gabe des Verzeihens der Nachbarn ermöglicht wurde. Dass es ein vereintes Europa gibt, ist in diesen Tagen mehr als eine Kitschformel aus dem Arsenal von Sonntagsreden. "Dankbarkeit" lässt sich nicht eins zu eins in Politik übersetzen. Dankbarkeit, die aus der präzisen Erinnerung kommt, kann aber die Haltung prägen, aus der wir Deutschen uns in dieser Welt engagieren. Das verstehen auch 17-Jährige.

Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr