Die Sonne bringt es an den Tag: Die Winterschmuddel-Fenster. Den Müll am Straßenrand, den der Schnee länger als im Vorjahr gnädig bedeckt hielt. Die Fenster werden nach und nach sauber gewienert.
Über den Müll ärgere ich mich. Und spreche eine Freundin an, in der Hoffnung, sie stimmt mit ein in meine Klage. Ach, sagt sie, Müll? Der ist mir noch gar nicht aufgefallen. Da gucke ich gar nicht hin! Ich gucke lieber auf das Schöne. Hoppla, denke ich, mache ich was falsch, schaue ich nicht richtig in die Welt?
Mein Vater sieht es so: Nach dem Gottesdienst kommt der eigentliche Gottesdienst. Müll aufsammeln in der Weserstraße. Sein Endgegner: Die Kippen in den Steinritzen. Er schwärmt von einer Saugmaschine, die er vor vielen Jahren mal irgendwo gesehen hatte.
Wie macht man es nun richtig – hinschauen oder wegschauen? Will ich mich mit dem Elend befassen oder lenke ich meine Aufmerksamkeit auf das Schöne? In den Wochen vor Ostern wird in den Gottesdiensten auf das Leid geblickt und für die Geschlagenen gebetet.
Ich höre Kraniche rufen und schaue in den Himmel. Ganz blau heute, nur wenige zarte Wolken, die zerfließen und sich finden. Wunderschön. Da kann man leicht den Alltag vergessen. Aber wer nur mit dem Kopf im Nacken rumläuft, wird zum lebensfernen Hans-guck-in-die-Luft.
Ich selbst habe mich so entschieden: Um unser Haus, um meine Arbeitsstätte und immer, wenn ich einen Mülleimer in Sichtweite habe, hebe ich den Abfall auf. In allen anderen Fällen eher nicht. Zeitung lesen, Tagesschau, das gehört für mich dazu. Ich will wissen, was los ist, auch wenn es schlechte Nachrichten sind. Aber heute Nachmittag, da mache ich eine Radtour – ab ins Blaue! Und der Storch ist auch schon da!
Dr. Johanna Gronau, Prädikantin