Taizelichter

Bild: M. Logemann

Angedacht

23. Juli 2022

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit einigen Jahren sind wir Vogelfreunde geworden, und das mitten in der Stadt: hoch oben am Kirchturm lebt ein Wanderfalkenpaar. Und es ist zu schön, diese majestätischen Vögel auf den höchsten Stellen des Turmes sitzend, aber auch beim Fliegen zu beobachten. Und vor allem warteten wir in jedem Jahr auf die Brut, die Aufzucht und das Fliegenlernen der Jungen.

Nun sind wir umgezogen und vermissen so richtig „unsere“ Wanderfalken. Doch ganz unverhofft gibt es dort Ersatz: in unser Vogelhäuschen im Garten kommen nicht nur Spatzen, Amseln und Maisen, sondern jeden Tag auch Grünfinken mit teilweise leuchtend gelben Federn und ein sehr hübscher Vogel mit einer knall-orangenen Brust dazu. Es ist ein Gimpel, auch „Dompfaff“ genannt. Oft genießen wir jetzt den Blick aus dem Fenster hin zu all‘ den bunten Vögeln, die unser Herz erfreuen. Wir empfinden es als  ein Wunderwerk Gottes, und ich denke an die dritte Strophe des wunderbaren Sommerliedes von Paul Gerhardt: „Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.“ In vielen Strophen besingt Gerhardt die Schönheit der Natur mit all‘ ihren Tieren, Pflanzen und Gewässern.

Man könnte meinen, der Dichter dieser Zeilen schwelgte in Glück und Freude, als er diese fröhlichen Zeilen niederschrieb. Doch in Europa tobte der 30-jährige Krieg, und was das bedeutet, können wir in diesen Tagen durch die schrecklichen Bilder, die uns aus der überfallenen Ukraine und aus vielen anderen Teilen unserer Erde erreichen, nur erahnen. Paul Gerhardt hat dieses Lied für seine Frau gedichtet, die gerade eines ihrer Kinder verloren hatte. Sie sollte sich in ihrer Trauer an diesem Lied wieder aufrichten. Der Kummer und der Schmerz sollten nicht die Überhand gewinnen über ihr Leben. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“ – das hört sich dann ganz anders an: „Neben all‘ dem, was Dein Herz beschwert, sollst Du doch auch immer wieder das Schöne und Wunderbare, das unser Schöpfer uns immer wieder erleben lässt, sehen, fühlen, riechen, schmecken – und Freude daran haben!“ Die Erde  ist doch, trotz aller Dunkelheit und Schwere, voll der Schönheit und der Wunder, die Gott uns spüren und erleben lässt! Und voller Bewunderung stimmt er ein in den Jubel: „… ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“

Wie schön, dass wir diese scheinbar kleinen und unbedeutenden Hinweise auf Gottes Schöpfungswerk auch in diesem Sommer wieder wahrnehmen können. Ich selber bin dafür dankbar. Es gibt mir die Kraft, dann auch Schweres und Trauriges ertragen zu können – und daran zu arbeiten, dass wir die großen Probleme unserer Zeit mit Gottes Hilfe anpacken und bearbeiten können.

Ihr Superintendent Martin Lechler

Superintendent Martin Lechler