Taizelichter

Bild: M. Logemann

Angedacht

17. September 2021

Stacheldraht und weiße Rosen

Stacheldraht und weiße Rosen – für mich sind sie ein Symbol für den Volkstrauertag, den noch viele von uns morgen im Gedenken begehen werden:

Der Stacheldraht erinnert an die schrecklichen Kriege der Vergangenheit und weist hin auf die nicht weniger schrecklichen Kriege der Gegenwart. Er erinnert an die Gefangenenlager, an die Konzentrationslager und an die Qualen und Leiden unzählbar vieler Menschen heute wie damals. Stacheldraht ist ein Symbol für Gewalt, für Krieg, für Leid und Unrecht.

Die Rosen erinnern an die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die Mitglieder einer Widerstandsgruppe waren, die sich die „Weiße Rose“ nannte. Hans und Sophie Scholl starben 24 und 21 Jahre jung auf dem Schafott. Sie wurden hingerichtet, weil sie den Mut hatten, die Wahrheit zu sagen und mit Flugblättern und Plakaten die Bevölkerung zum Ungehorsam gegenüber Hitler aufzurufen. Die weißen Rosen sind ein Zeichen der Liebe und der Hoffnung. Sie stehen für alle Frauen und Männer der Vergangenheit und Gegenwart , die sich den Mund nicht verbieten lassen und mutig für Gerechtigkeit und gegen Hass und Hetze eintreten und beten.

Rosen sind empfindlich. Sie müssen gut gehegt und gepflegt werden – wie die Liebe, wie die Hoffnung, wie der Frieden.... Rosen haben Dornen. Zu lieben kann dornig, kann sehr schwer und schmerzhaft sein. Denn wer liebt, muss vergeben und auf Rache verzichten können.

Jesus Christus ist den dornigen Weg der Liebe gegangen. Folter, Verzweiflung, Kreuzigung, Tod: am Karfreitag sah es so aus, als habe er gegen die Macht des Bösen verloren. Aber auf den Karfreitag folgte Ostern: Gottes Sieg über alle teuflischen Mächte und Kräfte! Das Ostergeschehen, die Auferweckung Jesu Christi von den Toten, macht Mut trotz vieler Widerstände und Niederlagen nicht nachzulassen, im Ringen um Gerechtigkeit und Frieden. Denn dieser Kampf steht unter Gottes Verheißung und geht am Ende darum gut aus , auch wenn es manchmal anders scheint und Hass und Tod vorübergehend die Oberhand gewinnen.

Mögen Sie Hörbücher? Wenn ich länger alleine mit dem Auto unterwegs bin, dann höre ich gerne Hörbücher. Das ist dann ein bisschen so, als hätte ich einen Beifahrer, der mir etwas vorliest.

Vorlesen, das war für mich als Kinder immer etwas Besonderes. Am Anfang natürlich weil ich selber noch nicht lesen konnte. Aber auch später war das so, als ich selber gerne gelesen habe: Wenn meine Mutter uns Kindern abends etwas vorgelesen hat, dann war und blieb das etwas Besonderes!

Im Studium habe ich das Vorlesen nochmal neu entdeckt: Mit zwei Freundinnen bin ich in den Urlaub gefahren und wir haben eine gemeinsame Urlaubslektüre mitgenommen. Abends haben wir dann gemütlich zusammengesessen und haben uns reihum dieses Urlaubsbuch vorgelesen.

Vorlesen ist etwas Besonderes. Da wird das Lesen automatisch langsamer. Man kann nicht einfach etwas überspringen. Jedes einzelne Wort wird ausgesprochen und zum Klingen gebracht.

Im Judentum ist es üblich, dass die Texte der Thora, der jüdischen Bibel, grundsätzlich laut gelesen werden. Auch wer sie nur für sich liest, murmelt die Worte zumindest leise vor sich hin. Auch bei uns sind die Lesungen aus der Bibel ein wichtiger Teil in jedem Gottesdienst. Als Pastorin habe ich schon öfter mit denjenigen, die im Gottesdienst Lesungen übernehmen, kleine Übungen in der Kirche gemacht. Zum Beispiel liest jeder einen kurzen Text auf der Bibel vor und soll in jedem Satz nur ein Wort betonen. Das ist gar nicht so leicht! Man muss sich vorher genau überlegen, welches Wort besonders wichtig ist und betont werden soll. Dadurch liest man einen Text viel genauer, als wenn man ihn nur leise für sich lesen würde.

In der Bibel, im Hebräerbrief, heißt es: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“  Gottes Stimme ist gar nicht so leicht herauszuhören aus dem Lärm unserer Welt. Und Gottes Wort ist gar nicht so leicht herauszulesen aus unserem Alltagstrubel. Man muss sich Zeit nehmen dafür, wie beim Vorlesen. Man muss sich Zeit nehmen, um genau hinzuhören und hinzuschauen. Manchmal auch ein zweites, ein drittes oder ein viertes Mal.

Vielleicht haben Sie Lust, sich einen bekannten Text aus der Bibel zu nehmen und ihn laut (vor)zulesen?! Ich wünsche Ihnen offene Augen und Ohren, um Gott darin zu entdecken!

Claus Venz